Facebook Konto gelöscht

Liebe “Ex-Freunde” auf Facebook, es ist nichts persönliches.

Ich habe heute mein Facebook-Konto geleert und gelöscht, sozusagen in einer Art Affekthandlung nachdem ich Tyler Brule bei der Zeit gelesen habe. Zuvor hatte ich schon Marshall Kirkpatrick den Hinweis auf das Zuckerberg-Interview gelesen.

Gründe gibt es wahrlich viele und eher ist es die Summe der einzelnen die mich getrieben haben, als ein Grund alleine. Ironischerweise mag es ein Kennzeichen Sozialer Netze sein, daß gerade die vernetzten Gründe dann den Ausschlag geben.

Die Tat schwelt schon länger, seit ich nämlich sehe, welche Banalitäten und Absurditäten manche der Menschen von sich geben, die ich im “realen” Leben als “vernünftig” kenne. Oder die sich mit wohl ausuferndem Zeitbedarf irgendwelchen Mafia-Spielen oder BauernhofDorf-Simulationen hingeben, sich beim Trinken oder beim in-religiöse-Sekten-abgleiten beobachten lassen. Und natürlich sah ich mich selbst mittendrin, affektiert um Aufmerksamkeit heischend, gebunden an fremdbestimmte Features, abhängig von Policies, die dem Marketing unterworfen werden.

Allen anderen wünsche ich noch viel Spaß.

300.000 Euro Jahresgehalt. Bezahlt von Krankenkassenbeiträgen

Der alljährliche Bericht des Bundesrechnungshofes ist immer wieder eine Fundgrube für Unglaubliches und Unerträgliches. Seit wenigen Jahren darf die Kassenkontrolle des Staates nun auch in die Krankenkassen schauen und schaut dabei in kranke Kassen.

Besonders krank ist die Geldpyramide ganz oben. Nach den Empfehlungen der Sozialpartner – also des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände – sollen Vorstände solcher Organisationen nicht mehr als 130.000 Euro verdienen.

Als Vorstand (das gilt für 9 von 10 schreibt der Rechnungshof) einer großen deutschen Krankenkasse (und davon gibts viele) geht aber mehr über die Kontenkante, in der Spitze bis zu 300.000 Euro. Und darin nicht einbezogen sind schon mal zusätzliche Leistungen wie Dienstwagen, pauschale Aufwandsvergütungen, Mietersatz, Heimflüge (!), zinsgünstige Darlehen oder Ansprüche auf zusätzliche Altersversorgung.

Mir erschließt sich nicht, was an der Eintreibung von Kassenbeiträgen und dem schwer zu kontrollierenden Ausgeben an die Gesundheitsindustrie derartig verantwortungsvoll sein soll, daß solch hohe “Verantwortungsprämien” gerechtfertigt sind. Zumal – auch davon berichtet der Rechnungshof – im Versagensfall einem Vorstandsvorsitzenden 700.000 Euro Abfindung gezahlt wurden, obwohl ihm schwerwiegende Verfehlungen vorgeworfen wurden.

Gut. In BankerBoniMaßstäben sind das Peanuts, aber das System zieht natürlich Kreise.

Chefs von Kassenärztlichen Vereinigungen erhalten offensichtlich Gehälter in vergleichbaren Größenordnungen und ebenso diese wirklich nötigen Zusatzleistungen, die man in solchen Positionen zu brauchen scheint. Das ist ja auch gut begründet mit dem Verweis, daß die KVen “mittelständischen Unternehmen ähnelten” und dort lägen nunmal die Vergütungen zwischen 194.000 und 381.000 Euro (März 2005 Deutsches Ärzteblatt).

Ah ich vergaß, die genannten Summen werden ja in diesem Fall nicht direkt von der Versichertengemeinschaft, sondern aus den Beiträgen der niedergelassenen Ärzte bezahlt. Aber wenn ich mich richtig erinnere, zählen zu den Kunden des Geschäftsmodells “Arzt” außer den Patienten niemand weiteres. Patienten sind wiederum Mitglieder einer Kasse und die erheben dafür dann Beiträge aus denen die Ärzte, Krankenhäuser (und andere) bezahlt werden.

Nein, kein Unterausschuss "Neue Medien" im Bundestag. Sowas brauchen wir nicht mehr.

Heute in einen kurzen Bericht im Handelsblatt http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/legislaturperiode-piraten-wollen-eigenen-ausschuss-im-bundestag;2495248 gelesen, daß es fraglich wäre, ob ein Unterausschuß “Neue Medien” im Bundestag geben wird.

Im Prinzip ist diese Frage eine Geschäftsordnungsfrage des Bundestages – nicht mehr. Schon lange warte ich auf eine Änderung dieses Procederes – aber in die genau andere Richtung!

Die ganze digitale Welt nach wie vor als Untereinheit der Kultur zu betrachten, halte ich angesichts der umspannenden Auswirkungen des Internets für – gelinde gesagt – einen parlamentarischen Anachronismus. Digitale Kommunikation greift an vielen Stellen des Alltags in das Leben der Menschen ein. Bei weitem handelt es sich nicht mehr um ein Phänomen des Medienwechsels von an sich gleichen Inhalten und unveränderter Kommunikationsstruktur.

Vielmehr induziert die Nutzung des Internets tatsächlich ganz massiv völlig neue Beziehungen von Menschen untereinander, neue Arten von Geschäften, neue Lebenswelten und Verhaltensweisen, aber – natürlich – auch neue kulturelle Schnittstellen.

Alleine die rechtlichen Aspekte, sowohl strafrechtliche, als auch zivilrechtliche und natürlich – weiter gefasst – bürgerrechtliche Aspekte gehen an der begrenzten “Kultursicht” deutlich vorbei.
Ganz kurz nur einmal die jüngsten Brandstellen genommen:

  • Diebstähle von Kundendaten und missbräuchliche Nutzung zur individuellen Bereicherung
  • Mißbräuchliche Abmahnpraxis
  • “Killerspiel”-Diskussion und das Spielen politischer Spielchen mit diesen Themen, vor allem im Zusammenhang mit den Amokläufen
  • Beschneidung von Persönlichkeitsrechten ohne Verankerung in der Verfassung
  • Verabredung zu links- und rechtsradikaler Gewalt mittels der Netzstrukturen
  • Mangelnder Schutz von personenbezogenen Informationen von Kindern und Jugendlichen und unzureichende “Bildung” über die Gefahren des Netzes
  • verworrene Regelungen des Kaufvertragsrechtes im Internet

Einige Abgeordnete wissen all dies wahrscheinlich sehr genau.

Dennoch sollte die Tatsache, daß viele Menschen, denen das Internet unverzichtbarer Teil des Lebens und der Arbeit geworden ist, an der “Internet-Kompetenz” unserer Volksvertreter ihre massiven Zweifel haben, Antrieb genug sein, die Bedeutung der digitalen Kommunikation parlamentarisch “höher zu hängen”.

Ich plädiere vehement für die Einberufung eines eigenen vollwertigen Bundestags-Ausschusses “Digitale Kommunikation” oder besser noch “Digitales Leben”, der sich diesen Bereichen widmen sollte:

  • Herstellung von Chancengleichheit in der Nutzung digitaler Systeme für alle Bürger des Landes
  • Schaffung eines von Bürgern akzeptierbaren Kanons von Anregungen und Aktionen zur Zusammenarbeit von Bürgern und Staat über digitale Medien
  • Herstellung einer Situation größtmöglicher Transparenz in und um die digitalen Netze herum
  • Schaffung von allgemeingültiger Rechtssicherheit in den Kommunikationsnetzen
  • Sicherstellung von Bürgerrechten bei Datensicherheit, Datenschutz, Persönlichkeitsrecht und Eigentum gegenüber staatlichen Einrichtungen wie auch gegenüber allen zivilrechtlichen Vertragspartnern
  • Mitarbeit in einer globalisierten Task-Force zur Setzung von rechtsverbindlichen Standards über die Grenzen nationaler Rechtssysteme hinaus
  • Sicherstellung der Möglichkeit, Lebensunterhalt durch digitale Produktion/Produkte erzielen zu können
  • Prüfung der Auswirkungen zunehmender Bedeutung von soziologischen Netzen für die gesellschaftliche Entwicklung wie auch für die persönliche Entwicklung der Menschen
  • Begleitung der Entwicklung neuartiger Methoden zur Partizipation von Menschen an der gesellschaftlichen Entwicklung

Erreichbar wären die Ziele dieser Aufgabe, wenn durch das Parlament ein “Internetrat” eingerichtet werden würde, der als Sachverständigenrat aus Vertretern unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen zusammengesetzt ist und dessen Mitglieder eine große Akzeptanz in der das Internet nutzenden Population besitzen. An diesen Rat angegliedert solle eine Plattform sein, die – ähnlich wie der digitale Petitionsausschuss – es allen Bürgern ermöglicht, Anregungen einzureichen und per Abstimmung darüber die Bedeutung zu gewichten.

Alle diese Maßnahmen zusammen würden – so meine naive Hoffnung – die Sensibilität unter ALLEN Abgeordneten für diese Fragen schärfen und ihr Interesse stärken.

Ich persönlich glaube, daß die Existenz digitaler Netze eine ähnliche Bedeutung für unsere Gesellschaften hat, wie sie die Technik des Buchdrucks vor 500 Jahren hatte. Ganz sicher bin ich mir allerdings bereits jetzt schon, daß es für die Stabilität der Demokratie von allergrößter Bedeutung ist, daß alle Individuen, Gruppen und Organisationen in der Gesellschaft das Internet als freiheitliche Basisinfrastruktur anerkennen, genauso, wie sie es mit Wegen und Straßen tun. Das Internet steht – wie das gedruckte Wort früher – nicht am Rande, es wird die Basis für die Existenz, für Wirtschaft und Gesellschaft, für das Recht, für die Organisation und die Strukturen – und dann auch für die Kultur.

Wie sehen das meine Leser? Gibt es etwas zu ergänzen? Liege ich falsch?

Charles Ponzi – gut für 150 Jahre Knast

Charles Ponzi ist die personifizierte Tellerwäschergeschichte. In nur 6 Monaten war er vom mittellosen italienischen Einwanderer zum bestens bekannten Millionär in Boston geworden. Sein Charme machte ihn zwingend, seine Cleverness berauschte, sein Aufstieg schien unaufhaltsam, Geldadel und High-Society lagen ihm zu Füßen.

1920 hatte Charles Ponzi eine Geschäftsidee und gründete – so würde man es heute nennen – ein Startup im Derivate-Bereich. Genügend Anleger fanden sein Anlagemodell attraktiv: Er versprach 50% Gewinn in 45 Tagen oder “double your money in 90 days” – eine Verlockung, deren Größenordnung voluminös genug war, um bei vielen ohne weitere Fragen nach Reputation und Plausibilität den Rest Zweifel im Innersten abzuschalten. Nur allzu bereitwillig kippten über 40.000 Anleger ca. 15 Millionen Dollar in dieses System. Der internationale Handel mit Postwertscheinen – einer Art universeller Post-Währung – sollte diese Erträge abwerfen.

Anleger nahmen Hypotheken auf oder verflüssigten ihre Altersvorsorge um Investments bei Ponzi tätigen zu können. Gewinne wurden oft sofort wieder reinvestiert. Eine Menge Agenten requirierte Ponzi mit üppigsten Provisionen und machte sie zu überzeugten Gläubigen, die aus Sparern wiederum Gläubiger machten. Schnell schwelgte Ponzi im puren Luxus, wohnte schon 1920 mit Air-Condition und beheiztem Swimming-Pool.

Kritische Nachfragen, zum Beispiel von Journalisten, konterte er mit Einschüchterungen und Klagen – und gewann seinen Prozess gegen eine Zeitung. Plausibel waren die Verdächtigungen zwar, aber eben nicht beweisbar. Spät erst recherchierte man gründlich und rechnete penibel nach. Doch selbst die aufkommende Unruhe nach einer ersten Artikelserie bekam Ponzi noch mit Geschenken in den Griff. Anleger vertrauten ihm weiter.

Beileibe war Ponzi nicht der erste, der ein perpetuales System erfunden hatte. Die Geschichte der modernen Zivilisation ist voll von einfältigen bis ausgeklügelten Systemen, aus dem Nichts Geld zu machen. Zu mächtig ist die Sehnsucht nach Reichtum, zu verlockend die Aussicht, mit frühem und kleinem Risiko gegenüber den Followern zu triumphieren. Keine Geld-Idee kann noch so esoterisch sein, als das sie nicht noch zum Kristallisationspunkt eines Anlagediamanten werden könnte.

Allen diesen Formaten ist aber das gleiche Kernelement gemein: die Ausschüttung von Erträgen aus gerade erst angelegten Geldern von Frischlingen – und eben nicht aus der Verzinsung der Anlage in fremden Geschäften. Eine Spirale entsteht. Ständig muß neues Geld zugeführt werden, damit die Legende vom gewinnträchtigen Geschäftsmodell aufrecht erhalten bleiben kann.

“Gelernt” hatte Ponzi von Luigi “Louis” Zarossi, einem Bankier, der sein Institut mit – vergleichsweise moderaten – Versprechungen von 6% Zinsen vor dem Konkurs bewahren wollte – was ihm nicht gelang. Zu dieser Zeit arbeitete Ponzi im Haushalt des Bankiers, eine einmalige Chance, diese Art von Geschäft aus erster Hand zu studieren.

Es kam, wie es immer kommt. Ein Außenanlass brachte das mühsam austarierte Schwindelgebäude zum Einsturz. Am Ende verzeichnet die Gerichtsbilanz des später “Ponzi-Scheme” genannten Betrugs 2/3 Verlust. 6 Banken machten in diesem Zusammenhang Pleite. Ponzi wurde erstmals verurteilt zu 5 Jahren Haft.

Gestern nun wurde der legitime Nachfolger Ponzis inauguriert. Er heißt Madoff und ist wegen des Betreibens eines Ponzi-Schemas verurteilt. Auf Madoffs Betrugskonto gehen keine Millionen, es sind Milliarden. Anlagevermögen in der Höhe eines Bruttosozialproduktes von Bulgarien oder Luxemburg ist vernichtet. Weg. Vollständig.

Bernard L. Madoff wurde zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt. Ponzi saß alles zusammen gerechnet 12-einhalb. Die Anleger wurden in beiden Fällen mit dem Verlust Ihres Vermögens bestraft.

Die nächste todsichere Anlage wartet sicher bereits um die Ecke.

http://en.wikipedia.org/wiki/Charles_Ponzi

http://en.wikipedia.org/wiki/Ponzi_scheme

http://www.nytimes.com/2009/06/30/business/30madoff.html

"Nacht, Rathenow, Supermarkt"

Dieses Jahr klickt jenes Jahr ja nun zum 20sten mal als Echo im Kalender – jenes, in dem die DDR aushauchte. Eine gefühlte Ewigkeit ist es her und bald haben wir 50% Volk, die altersmäßig noch gar nicht in jenem Volk vertreten sein konnten, was da auf der Straße stand und seine Identität in den Himmel brüllte.

Doch diese DDR bestand nicht nur aus Volk. Sie war natürlich auch immer Gebäude, Landschaft, Zustand und hat über 40 Jahre Prägungen in Beton und Plaste erlebt, deren Dauerhaftigkeit gelegentlich im Verlassenen postmortal unangetastet blieb – zumindest durch Menschen, ergriffen allerdings von Verwitterung.

Fotoblog buzzaar

Fotoblog buzzaar

Solche Konstellationen sind es, die eine Berliner Fotografin immer wieder dazu treiben, bei ihren Streifzügen Eindrücke des Stehengebliebenen zu sichern. B.C. Richter (@BC_R) zeigt in ihrem Fotoblog “Buzzaar” Aufnahmen des Verlassenen. Ihre Szenen sind manchmal einsam, manchmal lakonisch, manchmal bedrückend. Die dramaturgisch wirkende Kombination aus Motiv, Blickwinkel, Ausschnitt und Beleuchtung läßt diese Ambivalenz des Verwitternden real werden.

Nicht zufällig haften Haftanstalten des SED-Staates diese Prägungen besonders lange an, sind diese Installationen doch alles andere als Lieblingsorte. “Abandoned Prison” (bei Flickr) hat B.C. Richter eine Serie über eine dieser Stasi-Strafvollzugseinrichtungen U-Haft-Einrichtungen genannt. Über ein Jahr hat sie (schon eine Weile her) in diesem Portfolio des disziplinierenden Alltags Aufnahmen genommen. Eine wie grade-erst-verlassen wirkende aber dennoch von allem Organischem befreite Küche steht da. Pfannen auf dem Herd, geöffnete Schubladen und mit Tischdecken akkurat belegte Tische. Daneben ein Gang in dem die Türen offen stehen, als hätte es den Befehl zur Räumung gleichzeitig für alle gegeben. Eine Batterie nahtlos eng aneinander gepresster Waschbecken vermittelt unmittelbar das Gefühl von Enge, obwohl die Menschen davor nur imaginär im Kopf des Betrachters erscheinen.

Und dann prangen da plötzlich massive Gitter vor Fenstern in einer brüchigen, notdürftig verputzten Waschbetonwand. Darüber gleich drei neugierige Überwachungskameras, die ihren Blick gebündelt aus dem Bild richten, merkwürdig nervös unangeordnet angeordnet. “This is not a prison, but a supermarket seen from behind. ” In Rathenow. Nächtens.

Ich vote sie bei Photoblog-Awards 2009.