Meinungsbildung oder Abbild einer Meinung? Die ARD und das Gatekeeping.
Konflikte zwischen Gegnern anderswo in der Welt und im speziellen die kriegerischen Konflikte zwischen Staaten sind von Außenstehenden schwer zu verstehen. Insbesondere ist es schwer zu werten, wer Recht hat und wer nicht. Noch dazu, wenn es sich bei den Auseinandersetzungen um Fortsetzungsgeschichten handelt, die teilweise Jahrhunderte alte Anlässe nach Belieben neuzeitlich instrumentalisieren. Je nach Sichtweise hat immer der andere angefangen.
Bewaffnete Konflikte finden im Kaukasus seit Äonen statt. Ethnien haben sich dort immer schon gegenseitig (fast) ausgelöscht, ständig gibt es eine Gruppe, die einen anderen Zustand gewaltsam herstellen oder wahlweise auch wiederherstellen will.
Der jüngste Krieg in Georgien ist ohne tiefe Kenntnis der Zusammenhänge nicht einzuordnen. Sowohl die aktuellen politischen und militärischen Machtverhältnisse zwischen den direkt beteiligten Staaten Georgien und Rußland, wie auch die geostrategischen Ziele der eigentlich nicht Beteiligten wie den USA und den Ländern der EU und insbesondere die Motivation der handelnden Personen wie Sakaschwili, Putin und Medwedew sind so vielschichtig, daß es keine einfache Antwort geben kann.
Noch dazu ist es einer einzelnen Privatperson in diesem Lande, die von der Berichterstattung in den Medien abhängig ist, nicht einmal möglich einzuschätzen, ob man mit der “Wahrheit” überhaupt konfrontiert wird. Nicht zuletzt deshalb, weil Medien – auch in diesem Land – eine “Gatekeeper”- Funktion glauben wahrnehmen zu müssen, die sich oft im Beschneiden und Ausblenden, bzw. im neu Zusammenstellen von Informationen erschöpft.
So das Interview von Thomas Roth, ARD, mit Rußlands Ministerpräsident Putin. Aus knapp 30 Minuten “Material” werden 10 Minuten Essenz zusammengeschnitten und in der ARD gesendet. Wie der Spiegelfechter dankenswerterweise durch Kenntlichmachung der Auslassungen dokumentiert, wird klar, wie Aussagen Putins ohne ihre Zusammenhänge gesendet wurden.
Nun könnte die ARD argumentieren, daß sie nicht zur Proliferation von Propaganda-Statements beitragen möchte und deshalb kürzt. Oder sie könnte auf enge Zeitkorsette verweisen. Nach meinem Kenntnisstand von heute hat sie dies aber beides nicht getan. Weder gibt es die “Langversion” in der Mediathek noch gibt es ein vollständiges Transkript zum Download. Auch hält sich die ARD zurück mit einer Antwort auf die Frage nach dem “Warum”. Man kann nur über Art und Umfang der Schnitte bzw. Auslassungen Rückschlüsse auf die Motive der Anstalt ziehen.
Ich kann natürlich nicht beurteilen, ob die Übersetzung es Interviews und die Markierungen der weggelassenden Aussagen korrekt sind. Aber ich möchte mir wenn es geht wirklich meine eigene Meinung aus primären Quellen bilden und nicht auf politisch Vorgekautes zurückgreifen müssen. Die ARD ist eine öffentlich rechtliche Sendeanstalt. Sie hat den Auftrag, die Menschen sachgerecht und objektiv zu informieren. Deshalb und dafür darf sie Zwangseinnahmen eintreiben, so wie es der Staat mit den Steuern macht. Ich erwarte daher, daß dieser Anspruch auch eingehalten wird. Beim vorliegenden Zusammenschnitt des Interviews sehe ich ganz klar große Probleme in dieser Frage.
Ehrlich, ich bin froh, daß es das Internet gibt. Menschen erhalten die Möglichkeit zusätzliche Kanäle für ihren Informationsgewinn zu nutzen. Und ich bin froh, daß es Blogger gibt. Denn ihnen ist dank der Technik die Möglichkeit gegeben, unabhängig von politischer Einflußnahme Bilder zu vervollständigen und dazu beizutragen, daß Jedermann sich eine eigene Meinung bilden kann.




